Blattgold interviewt die Eltern: Geschichten von früher und heute. Von uns Kindern, was wir gelernt haben und worauf die Eltern stolz sind. Von Krankheiten, Kühlschrank-Überfällen und anderen Katastrophen. Wie wir wurden, was wir heute sind. Interviews mit Cedric und Wolfgang Eichner, Jochen und Manfred Rodenkirchen sowie Bettina und Annemarie Hoppe.

Cedric interviewt seinen Vater Wolfgang Eichner

BLATTGOLD: Hallo Wolfgang, wie ist Cedric zu seinem Namen gekommen?
Cedric: Es gibt einen Film. Der Film heißt Der kleine Lord und da spielt einer mit, der heißt Cedric und von dem hab ich meinen Namen. Weil ich den Film lustig fand früher.
Vater: Da warst du doch noch gar nicht auf der Welt.

BLATTGOLD: Wie war Cedric als Kind?
Vater: Eine Katastrophe!

BLATTGOLD: Warum?
Vater: Sobald Cedric laufen konnte, hätten wir am liebsten ein großes Schloss an den Kühlschrank gemacht. Cedric hat immer nach Essen gesucht, alles von den Tischen geholt. Er hatte immer Hunger. 24 Stunden am Tag.

BLATTGOLD: Was wolltest du als Kind werden, wenn du groß bist?
Cedric: Ich bin doch schon groß.
Vater: Als was habe ich früher gearbeitet? Das wolltest du auch immer werden …
Cedric: Ich wollte früher LKW-Fahrer werden! Aber dafür braucht man einen LKW-Führerschein dafür. Mein Vater habe ich als der LKW gefahren ist, immer abgeholt, mein Vater. Und ich bin schon seit meiner Geburt Köln-Fan.

BLATTGOLD: Für welche Mannschaft bist du Wolfgang?
Vater: Ich bin Schalker!
Cedric: Ich hasse Schalke tierisch. Mein Traum ist, das Köln auf dem ersten Platz ist und Schalke in die 3. Liga absteigt. Mein Vater ist immer sehr nett zu mir, aber manchmal ärgert er mich auch. Als ich das letzte Mal mit ihm im Stadion war, hat er bei einem FC-Spiel sein Schalke-Trikot angehabt. Das ist sehr gefährlich.

BLATTGOLD: Was macht ihr zwei sonst noch zusammen?
Cedric: Ins Fußballstadion fahren und gucken, wie Schalke 04 verliert gegen Köln. Und ich grille gerne mit meinem Vater und esse am liebsten Spanferkel.
Vater: Cedrics Essverhalten hat sich bis heute nicht verändert.


Jochen mit Papa Manfred

BLATTGOLD: Welche Dinge kann Jochen besonders gut?
Jochen: Eier kochen.
Vater: Jochen hat mir sehr gut geholfen, als wir unser Haus gebaut haben, beim Ausbau des Dachstuhls. Jochen wusste immer ganz genau, was als nächstes kommt und hat entsprechend alles angereicht. – es gibt keinen besseren Hilfsarbeiter als ihn.
Jochen: Ich wollte Schreiner werden wie mein Opa. Mein Opa hat mir Bauklötze selbst gemacht in Lebensgröße …
Vater: Daraus hat Jochen Türme gebaut und jemand darin eingemauert wie seinen kleinen Bruder und der durfte dann, wenn der Turm fertig war, ausbrechen.
– Alle lachen –

BLATTGOLD: Glauben Sie, dass Jochen alleine leben könnte?
Vater: Ich glaube nicht. Jochen kann sehr viel, aber in der völligen Selbstständigkeit wäre er überfordert. Ich denke auch nicht, dass es gut für ihn wäre, wenn er noch mehr selbst regeln müsste. Denn er kann sich nicht so gut organisieren, zum Beispiel, wann er sein Zimmer aufräumen oder saubere Kleidung anziehen muss.

BLATTGOLD: Das wissen andere auch nicht.
Jochen lacht.
Vater: Er kann ja nicht 14 Tage lang mit demselben Unterhemd rumlaufen und muss zum Friseur gehen …
Jochen: Das habe ich jetzt im Griff. Ich lerne jetzt auch noch mehr kochen.
Vater: Ich finde die Situation jetzt in der Wohngemeinschaft, wo Jochen auch Verantwortung für andere mitübernimmt, prima. Da passt einer auf den anderen auf.

BLATTGOLD: Worauf bist du stolz bei deinem Sohn?
Vater: Ich bin auf vieles stolz. Dass Jochen so ein klasse Kerl ist, so gut aussieht und viele Sachen machen kann, womit ich nie gerechnet habe – ich bin echt froh, dass ich ihn als Sohn habe.
– Applaus –

als Jochen noch ganz klein war mit Papa

BLATTGOLD: Jochen, was du hast von deinem Vater geerbt?
Jochen: Die Nase.
Vater (lacht): Schön, Jung!

BLATTGOLD: Und was hast du von Jochen gelernt?
Vater: Durch Jochens Krankheit hat unser Leben eine ganz andere Wendung genommen. Wir hatten vor, nach Kanada auszuwandern. Als Jochen krank wurde, platzte der Traum. Wenn das Kind so krank wird, dann geht entweder die Ehe kaputt oder sie wird stark. Unsere Ehe ist stark geworden.


Bettina mit ihrer Mami Annemarie Hoppe

BLATTGOLD: Wie war die Bettina als Kind?
Mutter: Bettina war ein sehr fröhliches Kind. Dabei ist sie mit 9 Wochen zum ersten Mal am Kopf operiert worden. So ein kleines Würmchen …
Bettina: Am Wasserkopf.
Mutter: Da lag Bettina in ihrem Bettchen und ich durfte sie nur durchs Flurfenster angucken. Damals durften Eltern noch nicht zu ihren Kindern, wenn sie im Krankenhaus lagen. Man stand da draußen wie ein Fremder und guckte … das war sehr schlimm.

BLATTGOLD: Wie viele Operationen hattest du an deinem Kopf?
Bettina: 83.
Mutter: Einmal waren es fünf OPs in einer Woche!
Bettina: Das war heftig. Zur 50. OP bekam ich 50 rote Rosen. Galgenhumor, da kennen wir nichts.

Mutter: Ich habe immer gezittert, wenn ich ins Krankenhaus gegangen bin, hatte Angst, das was passiert sein könnte. Das habe ich mir aber nie anmerken lassen! Wir haben zusammen gelacht und hatten Spaß. Einmal kam eine Mutter wütend auf uns zu. Was wir hier lachen, die Kinder seien krank. Wir haben gesagt: Lachen tut unserem Kind gut!
Bettina: Und ich hatte meinen Lachi, ein Stofftier mit lachendem Gesicht. Als ich eine Zeitlang nicht sehen konnte, habe ich auf einem Blindencomputer Geschichten aus der Sicht von Lachi geschrieben. 83 DINa4-Seiten! Der Beweis, dass auch Wasserkopf-Patienten, etwas leisten können.

Bettina mit Mami beim Herbstspaziergang

BLATTGOLD: Wenn Bettina was will, schafft sie das auch.
Mutter: Ja, Bettina ist sehr kämpferisch.
Bettina (lacht): Stimmt. Ich habe mich früher zu Skat-Wettbewerben angemeldet und Preise gewonnen. Darauf bin ich stolz.

BLATTGOLD: Worauf sind Sie stolz bei Ihrer Tochter?
Mutter: Auf ihre Zuverlässigkeit, ihren Frohsinn und wie Bettina das alles schafft. Ich habe manches Mal gedacht, das ist zu viel, das kann sie gar nicht schaffen – und dafür bewundere ich meine Tochter.

Das ist eine gekürzte Fassung der Interviews. Die vollständigen Interviews findet ihr in unserem Stiftungsmagazin WIR, Ausgabe 12.