„Viele haben wir durchgeschleust und fit bekommen“

33 Jahre lang hat Wolfgang Dorn als Betreuer für die Gold-Kraemer-Stiftung gearbeitet. Viele von uns kennen den 63-Jährigen seit Jahren. Vor einem Jahr ist er in Rente gegangen. Ob er die Bewohnerinnen und Bewohner vermisst? Was macht er jetzt den ganzen Tag? Das und mehr hat er Blattgold, der Schreibwerkstatt, im Interview verraten.

Blattgold: Hallo Wolfgang, warst du traurig, als du in Rente gegangen bist?

Wolfgang Dorn: Wenn man lange gearbeitet hat, dann ist man in dieser Zeit auch fremdbestimmt. Es fehlt einem die Freiheit, seine Zeit zu gestalten, wie man möchte. Es ist jetzt schön, meine Zeit so zu nutzen, wie ich möchte.

Wie findet deine Frau, dass du jetzt im Ruhestand bist?

Sie geht noch weiter arbeiten.

Wie verlief dein erster Tag ohne Arbeit?

Ich bin erst mal zwei Stunden mit Rinko, meinem griechischen Straßenhund, im Grüngürtel laufen gegangen. Danach habe ich geduscht und gefrühstückt.

Was machst du sonst noch gerne in Deiner Freizeit?

Ich fahre mit meinem Motorrad, besuche Museen und andere kulturelle Einrichtungen, treffe Freunde, lese viel, besonders gründlich den Kölner Stadtanzeiger und den Freitag.

Du kochst auch gerne. Kannst du uns deinen Lieblingskochtrick verraten?

Vernünftige Messer! Ich habe keine Küchenmaschine, aber gute Messer. Die sind ganz wichtig.

Was kochst du gerade am liebsten?

Selbstgemachte Nudeln in allen Variationen und mit allen möglichen Soßen.

Was magst du lieber: Pasta oder Pizza?

Pasta.

Kaffee oder Tee?

Ich besitze eine teure Espresso-Maschine und trinke nur „guten“ Kaffee, Tee trinke ich keinen, eigentlich, außer Ingwertee, aus der Wurzel frisch zubereitet.

Bist du Langschläfer oder Frühaufsteher?

Weder noch. 8 Uhr aufzustehen, finde ich in Ordnung. Früher ist Körperverletzung…

Fahrrad oder Motorrad?

Beides gleich.

Auto oder Fahrrad?

Fahrrad.

Beatles oder Abba?

Rolling Stones. (alles lacht)

Meer oder Berge?

Einfach da, wo man sich bewegen kann. Gerne die Toskana.

Du warst 33 Jahre lang Betreuer. War das dein Traumberuf?

Eigentlich kam die Arbeit mit behinderten Menschen im Studium nicht vor. Das machen eher Sozialpädagogen. Eigentlich wollte ich im Gemeinwesen arbeiten.

Was hast du gelernt?

Ich habe Sozialarbeit studiert.

Was muss man in deiner Arbeit können?

Man muss Empathie besitzen und bereit sein, auf Menschen zuzugehen, fähig sein, auch die Zwischentöne zu hören. Für diese Arbeit war eigentlich kein Studium benötigt. Man muss einen Sinn für situatives Verhalten haben. Wenn die Ausbildung nicht stimmt, muss das kein Hindernis sein, um hier gute Arbeit zu leisten.

Wie sah dein Tagesablauf bei der Arbeit aus?

Um 6 Uhr morgens fing der Dienst an. Es gab viel Schreibarbeit zu erledigen, Werkstätten und Arbeitsteams kontaktieren, Arbeitsamt nach Möglichkeiten der Integration in den Arbeitsmarkt fragen und so weiter. Es war zunehmend notwendig, alles zu dokumentieren. Früher wurden Hilfepläne erstellt. Heute müssen klare Abläufe erstellt werden.

Waren es die einzigen Schwierigkeiten?

Wie in allen Bereichen, in denen soziale Arbeit geleistet wird, gab es nicht leistungsgerechte Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen wie lange Arbeitstage und Wochenendarbeit. Es ist schwierig, die Bedürfnisse der Bewohner und der Mitarbeiter unter einen Hut zu bringen, da es zu wenig Personal gibt.

Du wohnst ganz in der Nähe vom Wohnheim. Ist die Nähe zum alten Arbeitsplatz ein Problem für Dich?

Nein, bisher nicht. Ich fände es nur nicht so gut, wenn ich gestalkt würde, also wenn jeden Tag jemand vor meiner Tür stehen würde.

Hattest du die Bewohner gern?

Mir waren die sogenannten Chaoten immer die liebsten. Sie waren nicht angepasst und hatten ihre Eigenarten. Ihre Eigenart zu stärken, sie nicht zu einem Double der „Normalen“ zu machen, das war mein Ziel. Solange kein anderer geschädigt wird, sollen sie so sein wie sie sind.

Du warst schon 1982 dabei, als alles mit dem Rohbau in der Adam-Schall-Straße in Buschbell anfing. Wie war das?

Da es die einzige Einrichtung dieser Art weit und breit war, war es schwierig. Die Einwohner hatten Vorbehalte gegen die neuen und unbekannten Bewohner des Heims. Durch die Einrichtung der Gold-Kraemer-Stiftung fand eine Normalisierung statt und keine Ghettobildung. Das war damals einzigartig. 1990, als in der Burghofstraße die Einrichtung fertiggestellt wurde, hatte man dazu gelernt: Die Bewohner der  Einfamilienhäuser-Siedlung wurden zu einem Nachbarschaftsfest eingeladen und wirkte so Vorurteilen und Ängsten entgegen.

Warum denn Angst?

Sie hatten Angst, sie könnten gefährlich sein, da sie keinerlei Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen hatten.

Und wie war das für dich?

Es  war auch sehr reizvoll, weil man etwas Neues machen konnte, etwas ausprobieren, Pionierarbeit leisten sozusagen. Die Leute, die am Anfang für die Paul-Kraemer-Haus gGmbH gearbeitet haben, waren der Hit und hoch motiviert. Hier ist vor allem der Geschäftsführer Heinz Filz zu nennen. Als ehemaliger Stadtdirektor und unser aller Mentor, hat er wohl den größten Anteil an der erfolgreichen Arbeit mit den Menschen mit Einschränkungen. Der Verwaltungschef Heinz Bungarten und Lutz Spilker, der zweite Geschäftsführer, bildeten ein kongeniales Team – hier passte alles.“

Hast du Herrn und Frau Kraemer persönlich gekannt?

Natürlich habe ich sie auf einigen Veranstaltungen getroffen. Bei diversen Ereignissen begegnete man sich.

Ralf Fassbender: Ich habe zwei Jahre lang im Wohnheim gelebt, dann in einer WG und jetzt habe ich eine eigene Wohnung. Das ist zwar anstrengend, aber ich finde alleine zu leben besser. Ohne die Hilfe von Leuten wie dir, müsste ich bei meinen Eltern oder im Heim leben.

Ich bin stolz, wie viele Menschen wir „durchgeschleust“ und so fit bekommen haben, dass sie aus der stationären Betreuung ausziehen konnten. Ich empfehle ein Konzept, in dem die behinderten Menschen schnell von der stationären in die ambulante Versorgung geführt werden können. Sozialisierung ist zwar schwierig, aber man kann Menschen so ermöglichen, ein anderes Leben zu führen.

Welche weiteren Pläne hast du für dein Leben?

Ich habe keine konkreten Pläne. Erst mal lasse ich die Dinge einfach auf mich zukommen. Ich unternehme im Moment so viel, dass ich in meinem Handy den Kalender aktivieren musste, um alle Termine unter Kontrolle zu haben. Das musste ich, als ich berufstätig war, nicht. Es ist aber einfach toll, sich spontan auf das Motorrad zu setzen, wenn schönes Wetter angesagt ist.

Jetzt wo du im Ruhestand bist. Was überwiegt, die guten oder die schlechten Erinnerungen?

Natürlich die guten. Sonst hätte ich die Arbeit nicht so lange gemacht.

Vielen Dank für das Interview!

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