Schmale Gassen, ein Marktplatz mit Brunnen und ein Bahnhof schmücken die Kleinstadt Weidenbach. Eingebettet in eine malerische grüne Berglandschaft prägen alte Fachwerkhäuser das Stadtbild. In den hohen Wäldern hinter der Stadt entdeckt man Fabelwesen, wie Die Maus und Ferkel von Winnie Puu.  Wenn der Zug nicht fährt und die Kirchglocke nicht klingt, ist es ruhig im beschaulichen Weidenbach. Doch dienstags und donnerstags wird es meistens etwas lauter. Nämlich dann, wenn Jürgen Bauer zu Besuch kommt.

Bauer bastelt gemeinsam mit Willi, einem Bewohner im PKH Fliesteden, Modell-Landschaften. Ihr letztes großes Projekt war die Kleinstadt Weidenbach. Angefangen hat alles im Herbst 2016. Seitdem kommt er zwei Mal wöchentlich in das Haus und beschäftigt sich am Vormittag als Teil der Tagesstruktur intensiv mit dem künstlerischen Geschick des Bewohners.

Die Idee entstand in seiner Pensionierung. Der 78-Jährige suchte ein sinnvolles Hobby für seine Rentenzeit und kam bei Gesprächen mit ehemaligen Kraemer-Kollegen darauf, sein eigentliches Hobby Krippenbau ehrenamtlich anzubieten. Nach einigen Gesprächen war auch schon der passende Partner für ihn gefunden: Willi aus dem PKH Fliesteden, der als sehr geduldig und technisch interessiert gilt.

Als erstes Projekt stand eine Krippe auf dem Plan. „Krippen habe ich schon immer privat gebaut für Bekannte. Daher lag es nahe, das mit Willi zu probieren. Und das Ergebnis war für mich total unerwartet“, so Bauer. Da er selber nie Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hatte, konnte er sich keine Vorstellungen machen, wie ein mögliches Resultat aussehen könnte.

Seine Ideen für die Landschaften bespricht er immer mit den Betreuern und Willi, so kam auch die Eisenbahn-Landschaft Weidenbach zustande, erzählt er: „Willi ist technisch sehr interessiert, deshalb hatte ich mal einen Katalog mitgebracht. Da hat er dann von morgens bis abends die Eisenbahnen studiert und dann war klar, was wir machen.“ Im Mittelpunkt steht für Herrn Bauer, dass Willi Spaß und Interesse an den Bauten hat. Dafür müssen die Landschaften auch nicht immer authentisch sein, ergänzt er. So kommt es auch, dass Die Maus und noch andere bekannte Figuren den Weg in die Wälder von Weidenbach geschafft haben: „Die Freude aller Bewohner ist ja umso größer, wenn sie etwas wieder erkennen. Und dann weiß ich, dass es genau richtig ist.“

Aktuell arbeitet das Duo an der Burg Kerpen. Diese ist größer als gewöhnliche Modell-Landschaften, um Willi mehr Spielraum zu geben. Alle Wände, Mauern, Fenster und Türen werden von Willi handbemalt und dann mit Bauers Geschick zur Burg verklebt. Jürgen Bauer schätzt vor allem Willis Konzentration und Gewissenhaftigkeit. „Ich muss fast nichts korrigieren“, adelt Bauer Willi. Auch seine Betreuerin Frau Valle ist total begeistert von dem Engagement: „Es ist schön zu sehen, wie Willi darin aufgeht.“ Besonders gefällt ihr, dass Willi einen gleichaltrigen Mann hat, mit dem er ein Hobby teilt

Jürgen Bauer ist nach einem Jahr voll angekommen in der Gruppe der Bewohner*innen. Im nächsten Jahr ist eine größere Aktion mit allen geplant. Sie möchten gemeinsam Dinge herstellen und  alle Talente der Gruppe dafür nutzen. „Aus Spaß an der Freude“, wie Bauer zusammenfasst, „nicht aus materiellen Gründen.“ So wie auch sein Ehrenamt, welches er laut eigener Aussage noch so lange ausübt, wie seine Beine ihn tragen werden. Ein wenig reumütig fügt er jedoch hinzu: „Ich ärgere mich nur, dass ich das nicht schon viel früher gemacht habe.“