Der Kölner Künstler Rainer Broicher malt ohne seine Hände. Weil er durch einen sehr schweren Unfall eine Querschnittslähmung hat, malt er mit seinem Mund. Er malt am liebsten Bilder von seiner Heimat Köln und den Kölner Dom. Sie sind sehr schön, super, genial. Blattgold hat sich mit dem Künstler bei seiner Ausstellung in Alt St. Ulrich zu einem Interview getroffen. Wir haben mit ihm über seine genialen Bilder gesprochen und dabei viel über ihn als Mensch in Erfahrung bringen können.

Blattgold: Hallo Herr Dr. Broicher, wie malst du eigentlich mit dem Mund?

Broicher: Ich habe einen sogenannten Mundstab, an dessen Spitze sich ein Stift befindet mit dem ich mein Tablett und Smartphone bediene. Wenn ich male, ist da vorne statt einem Stift ein Pinsel. Auf einem Tisch steht etwas erhöht eine Staffelei mit einem Papier, das auf beiden Seiten mit einem Gummi gehalten wird. So entstehen Ränder und Striche, die ihr bei manchen Bildern an der Seite noch sehen könnt.

Susanne Sasse: Wir haben schöne Bilder hier von dir gefunden. Ein ganz tolles Bild mit vielen Farben … Das mit Silvester ist so schön …

Dr. Broicher: Das Feuerwerk am Kölner Dom.

Susanne Sasse: Ja. Und das bunte Bild mit dem Richterfenster. Können Sie für mich das Bild nochmal machen? Ich möchte das so gerne haben. Mit dem Kölner Dom…

Cedric Eichner: Ich hatte gerne das Bild mit dem FC-Stadion in ganz groß für meinen Vater, der ist Schalke-Fan.

Herr Broicher: Wie kann dein Vater Schalke-Fan sein?

Blattgold: Wir haben das Bild vom Schokoladenmuseum gesehen. Das Bild ist schön.

Dr. Broicher:  Das freut mich, wenn euch meine Bilder gefallen. Wenn ich den Betrachtern eine Freude machen kann, macht es mir auch eine Freude.

Was kosten denn die Bilder?

Dr. Broicher: Die Originale kosten ab 1000 Euro.

So viel Geld haben wir nicht.

Dr. Broicher: Es gibt auch Kunstdrucke, die sind preiswerter. Und wenn man von weitem guckt, fällt gar nicht auf, dass es nicht gemalt ist.

Die Bilder sehen nach viel Arbeit aus. Und Sie malen die nur mit einem Pinsel. Wie lange dauert das?

Dr. Broicher: Das ist unterschiedlich. Für Bilder wie das Tanzbrunnenbild brauche ich zwischen vier bis acht Stunden. Das Brückenbild oder das von den Stadttoren waren dagegen zeitintensiver, weil es feiner ist und die Proportionen stimmen müssen. Am ‚Wasserspeier‘ – eins meiner Lieblingsbilder – habe ich lang gesessen und auch sonst bei Detailaufnahmen des Doms. Wenn es in die Einzelheiten geht, dann wird es deutlich aufwendiger, auch, was die Zeit angeht. Darum versuche ich immer, früh mit einem Bild anzufangen, damit ich es an einem Tag fertig kriege.

Warum?

Dr. Broicher: Weil ein Bild eine Stimmungssache ist, die auch rüberkommen soll. Es ist schwierig, wenn ich ein Bild an einem anderen Tag weitermalen müsste, da ich mich erst wieder ins Motiv reinfühlen und reindenken muss. Und es wird vor allen Dingen schwierig mit der Farbgebung und die Mischung, da ich nur einen Pinsel zur Verfügung habe.

Blattgold: Was bedeuten die roten Punkte auf den Bildern?

Dr. Broicher: Dann sind diese Bilder bereits verkauft.

Wo hängen die ganzen Bilder bei Dir zu Hause?

Dr. Broicher: Zu Hause hängt nur ein Bild, das ich gemalt habe. Die anderen Bilder bewahre ich in einer Mappe auf.

Und welches Bild ist das?

Dr. Broicher:  Das Bild mit dem Kaiser Wilhelm.

Claudia Broicher: Das war das Titelbild des ersten Kalenders und mein Lieblingsbild. Seit letztem Jahr gibt es noch ein Bild bei uns: der Rosenmontagszug.

Dr. Broicher: Ich mag die schwarz-weiß Motive sehr gerne.

Susanne Sasse: Mir macht es eine Freude, wenn ich die Bilder sehe mit den vielen Farben. Ihre Bilder sehen so schön aus, genial, sonnig und strahlen. Sind Sie als Mensch auch so?

Dr. Broicher: Mit Sicherheit. Irgendjemand hat mal gesagt, die Bilder erscheinen sehr kindlich. Das empfinde ich nicht als despektierlich oder negativ. Ehrlich gesagt hat mir das sehr gut gefallen. Mich als Kind Kölns und Köln im Blickpunkt meiner Bilder sehe, und ich mit Köln überwiegend Heiterkeit verbinde. Bei meinem ersten Kalender hat jemand geschrieben: ‚Und der Himmel ist immer blau.‘ Das stimmt. Für mich gehört zu Köln ein blauer Himmel, weil ich mich hier wohlfühle – das ist einfach meine Heimat. Und Heimat stelle ich mehr blau statt grau vor. Heiter, stimmungsvoll und fröhlich.

Sie sind in Köln geboren worden an einem besonderen Tag, an Rosenmontag …

Dr. Broicher: Ja, am höchsten Feiertag von Köln!

Du hast 12 Bilder vom Kölner Dom für einen Kalender gemalt, weil der Zentral-Dombau-Verein 175. Jubliläum hatte. Das war ein großes Kompliment, oder?

Dr. Broicher: Ja, das war es. Das war eine erhebliche innere Ehre für mich. Als eingefleischter Kölner mit dem Dom als großes Identifikations- und Integrationsobjekt in Köln, war das das höchste der Gefühle.

Haben Sie zu Hause nur Bilder von Köln?

Dr. Broicher: Ja, mir kamen immer nur Kölnbilder an die Wand! Ich habe sehr viele Kölnbilder aus alten Zeiten, viele Drucke, aber auch alte Kunststiche. Aber die haben wir nach unserem Umzug aus unserem Haus leider nicht mehr an den Wänden, da wir jetzt weniger Fläche und weniger Wände haben. Von meinen drei Kindern haben wir auch Bilder – ein lebensgroßes Triptychon.

Wie alt sind Ihre Kinder?

Dr. Broicher: 14, 15 und 17.

Können Sie auch mit dem Mund schreiben oder ist das zu schwer?

Dr. Broicher: Ich kann auch mit dem Mund schreiben. Ich habe jetzt eine etwas krakeligere Schrift und je nach Stift, geht es auch nicht so gut.

Blattgold: Schreiben Sie Schreibschrift oder Druckschrift?

Dr. Broicher: Beides.

Cedric Eichner: Ich kann nur Druckschrift. Schreibschrift kann ich nicht so gut.

Malen Sie gerade an einem Bild?

Dr. Broicher: Nein, ich bin zurzeit in einer Schaffenspause und promote meinen 4. Kölnkalender. In 2, 3 Wochen werde ich wieder malen. Ich habe Ideen im Kopf, sowohl von Köln-Motiven, die ich im nächsten Jahr verwirklichen will, als auch Aufträge von Leuten, die an mich herantreten.

Jessica Reinhard: Darf ich Ihnen einen Tipp geben? Wenn Sie laufen und alles lernen möchten, dann gehen Sie zu einer Physiotherapeutin. Die kann dir helfen. Dann kannst du alleine wieder alles machen … Geh da hin. Dann wirst du wieder richtig gut laufen lernen. Dann können Sie wieder arbeiten gehen. Oder sind Sie Rentner?

Dr. Broicher: Zurzeit bin ich Rentner, weil ich nicht mehr als Arzt arbeiten kann, und bekomme eine Berufsunfähigkeitsrente. Ich habe aber eine Familie, die ich ernähre und Kinder, die ich finanziell unterstützen möchte, wenn sie später einen Beruf erlernen. Ich könnte medizinische Gutachten machen, aber dann kommt die Stelle, die mir das Geld gibt, und sagt, du kriegst von uns nichts mehr. Außer Malen kann ich im Moment nicht viel machen. Und die Malerei kann ich nebenher machen und zusätzlich dazu nehmen, da bin ich frei, da spricht mir niemand rein …

Wie fanden Sie meine Idee? Ich wollte Sie nicht angreiflich gefühlt.

Dr. Broicher: Die Idee fand ich super! Ich arbeite daran, dass ich wieder aufstehen kann. Und ich bin noch im festen Glauben, dass ich wieder aufstehe. Leider sagen mir meine Kollegen von der Schulmedizin, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich das schaffen kann. Aber ich glaube an Gott, bete viel und spreche sehr oft mit dem lieben Gott. Und ihn bitte ich auch immer wieder, dass das Wunder geschehen mag und ich wieder aufstehen kann.

Jessica Reinhard: Früher habe ich oft gesagt, ich kann gar nichts. Man muss aber sagen: Ich bin ein Mensch, ich bin behindert – oh, Entschuldigung, ich wollte dich nicht Behinderter zu dir sagen …

Dr. Broicher: … ich bin ja auch behindert.

Jessica Reinhard: Es gibt Leute, die sagen: Behinderte können nichts. Das ist Blödsinn! Es gibt andere, normale Menschen, die können noch viel weniger und sind komplizierter als behinderte Menschen. Wenn Sie nicht mehr alleine zu Hause leben, das geht bei Ihnen ja nicht so schön.

Dr. Broicher: Doch, zu Hause kann ich gut leben.

Ja, aber nicht, wenn Ihre Frau mal schwer krank ist zum Beispiel, dann melden Sie sich doch im Betreuten Wohnen an. Da kriegen Sie Hilfe, die duschen einen und Sie werden selbstständiger – das wird alles gemacht.

Dr. Broicher: Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle. Wenn unsere Kinder ausziehen oder es mir nicht gut geht – ich war vor kurzem mal im Krankenhaus, da haben wir wirklich ein Problem.

Warum bist du im Rollstuhl drin?

Dr. Broicher: Weil ich einmal ganz großen Blödsinn gemacht habe. Unser Nachbar hat sich beschwert, dass ein ganz hoher Baum aus unserem Garten seine Fassade kaputtmachen würde. Ich dachte, dass ich den Baum alleine beschneiden kann und bin ganz hoch geklettert, habe den Baum beschnitten und als ich wieder runtergehen wollte, ging es leider viel zu schnell, da bin ich heruntergefallen.

Aber auf den Rasen, oder?

Dr. Broicher:  Ja, Gott sei Dank auf dem Rasen, denn sonst säße ich vielleicht gar nicht mehr hier. Nebenan war gleich eine Betoneinfahrt.

Hat der Nachbar dann den Krankenwagen gerufen?

Dr. Broicher: Wahrscheinlich, denn außer mir war sonst niemand im Garten. Danach war der Nachbar nicht mehr so lieb. Als ich im Krankenhaus lag, hat er meine Frau angerufen und ihr gesagt, dass sie das Grünzeug, was ich da abgeschnitten hätte, noch unbedingt aus seiner Ausfahrt räumen soll.

Hat sie das dann gemacht?

Dr. Broicher: Nein, mein Bruder. Meine Frau war zu dem Zeitpunkt schon bei mir im Krankenhaus.

Wann ist das passiert und sitzt du seitdem im Rollstuhl?

Dr. Broicher: Ja, seit vier Jahren.

Wann haben Sie Ihre Hilfsmittel bekommen? Direkt oder mussten Sie sich die erkämpfen?

Dr. Broicher: Den Elektrorollstuhl hatte ich zwei Monate nach dem Umfall. Meine werten Kollegen haben versucht mir die Gedanken auszutreiben, dass ich jemals wieder aufstehen kann und mir gesagt: ‚Das passiert sowieso nicht. Gewöhnen Sie sich an den Elektrorollstuhl‘. Den Mundstab, den Mundpinsel und so weiter habe ich später in der Reha bekommen, in Monau, das ist das älteste Querschnittszentrum in Deutschland. Ich hatte das große Glück, dass sich meine Frau bei der Krankenkasse sehr dafür eingesetzt und erwirkt hat, dass ich da noch hinkam, nach langem Kampf.

Wer kümmert sich um Ihre Körperpflege, ihre Frau?

Dr. Broicher: Nein, das haben wir strikt getrennt! Das verbiete ich meiner Frau auch.

Jessica Reinhard: In einer Klinik kann man Ihnen helfen. Sie müssen sich da anmelden, damit Sie wieder alleine laufen können, shoppen und ins Phantasieland.

Dr. Broicher: Momentan geht das bei mir noch nicht so einfach. Es gibt schon Methoden, die in die Richtung gehen, dass sich da für mich etwas ergibt. Und die Wissenschaft geht immer weiter. Ansonsten bete ich sehr viel und bitte den lieben Gott, dass er mir hilft.

Blattgold: Sie haben einen guten Draht nach oben, allein durch Ihre Dom-Bilder.

Dr. Broicher lacht.

Blattgold: Waren Sie vor Ihrem Unfall schon kreativ oder haben Sie damit erst nach Ihrem Unfall angefangen?

Dr. Broicher: Ich war immer kreativ. Mit meinen Kindern habe ich immer viel gebastelt und auch für sie; als Jugendlicher habe ich viel Modellbau gemacht und dadurch eine ruhige Hand bekommen, was mir später im Beruf nützlich war. Ich habe meinen Beruf auch immer als kreativ empfunden, da ich viel chirurgisch gearbeitet habe. Ich habe Ohren und Nasen korrigiert, fein genäht – darin bin ich aufgegangen. Während meiner Berufszeit habe ich keine Zeit mehr gehabt, mich künstlerisch auszuleben. Als Ausgleich habe ich Gartenarbeit gemacht.

Claudia Boicher: Mein Mann hat mit den Kindern Laternen gebastelt, die Schultüten gemacht. Er ist  schon sehr kreativ gewesen – und sehe pingelig.

Was brauchen Sie, um die Bilder malen zu können?

Claudia Broicher: Den hohen Anspruch an sich selbst.

Dr. Broicher: Ich brauche die Liebe zu Köln, die Liebe zu den Motiven und Ruhe. Unter Zeitdruck male ich nicht gern.